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Italien – kein Zeitungsland?



Die Sűddeutsche Zeitung leistet sich einen Feuilleton-Korrespondenten in Italien. Seit Jahren lesen wir gerne Henning Klűvers gut recherchierte, aufmerksame Berichte. Kűrzlich jedoch (SZ 144, 15) stolperten wir űber einen eher tendenziösen Bericht űber die italienische Zeitungslandschaft. ("Der gesteuerte Umbruch")

Klűver notiert den Rűckgang der Auflagen, der sich auch in vielen anderen Ländern beobachten lässt. Die Zeitungen stecken in der Zwickműhle der zunehmenden Gratis-Konkurrenz des Internets einerseits, und der eigenen Preiserhöhungen andererseits.

Italiens űberregionale Tageszeitungen erhöhten ihren Preis kűrzlich von 1 Euro auf 1,20 Euro werktags und 1,50 am Freitag und Samstag. Mitten in der Krise ist das kein kluger Schritt; damit treibt man vor allem kostenbewusste junge Menschen vom Papier zum Smartphone, Tablet und PC.

Italien sei kein Leseland, meint Klűver und zitiert als Begrűndung die späte Alphabetisierung der Bevölkerung. Wenn man jedoch die verkauften Auflagen der grossen Blätter ansieht, so entsprechen sie durchaus den Verkaufszahlen deutscher Zeitungen wie SZ und Frankfurter Allgemeine, obwohl Italien mit 55 Millionen Einwohnern ein weitaus kleinerer Markt ist als Deutschland mit 82 Millionen (plus deutschsprachigen Umländern).

Sieht man in einem Vorortzug morgens die Deutschen hinter ihren Boulevardblättern oder die Italiener hinter seriösen Zeitungen wie Corriere della Sera und La Repubblica, dann fragt man sich, welches wohl das gebildetere Leseland ist. Auch zitiert Klűver die verbreitete Ansicht, in Italien habe das Fernsehen „alles an sich gezogen“. Mag sein, aber wenn man an einem Abend der Europa-Fussballmeisterschaft die leergefegten deutschen Strassen sieht, dann mag man sich fragen, ob die Deutschen nicht ebenso TV-sűchtig sind.

Auch bei Klűver klingt eine gewisse deutsche Űberheblichkeit an, was die Qualität italienischer Zeitungen anlangt. Vergleicht man űber Jahre hinweg beispielsweise die SZ mit der Repubblica, so ist das Ergebnis keineswegs eindeutig. Fűr einen deutlich geringeren Preis am Kiosk bietet die Repubblica kritische politische Berichterstattung. Jahrelang stellte das Blatt die einzige wirkliche Opposition zu Berlusconi (ausser seiner Ex-Gattin Veronica Lario) dar und hatte wesentlichen Anteil an seinem (vorläufigen) Sturz. Hat man je eine kämpferische SZ erlebt?

Auch die Auslandsberichterstattung der Repubblica scheut keinen Vergleich; was den Nahen Osten anlangt, berichtete die italienische Zeitung lange Zeit besser als die SZ. Internationale Kommentatoren kommen zu Wort, eine New York Times-Beilage fehlt auch nicht.

Klűver notiert, dass sich das Fehlen der Boulevardblätter in Italien in den umfangreichen Klatschseiten („Cronaca“) der seriösen Zeitungen niederschlägt. Nun ja, wenn man den gesammelten Klatsch deutscher Blätter („Panorama“) ansieht, dann ist er auch nicht schwach ausgeprägt.

Das Feuilleton der Repubblica ist umfangreicher und vielleicht auch anspruchsvoller als das der SZ. Die grosse Wochenendbeilage „Il Venerdi“ glänzt oft mit politischen Analysen auf bestem Spiegel-Niveau, gegen die das kleine SZ-Magazin verblasst. Die Damenbeilage „Donna“ ist besser gemacht als manche deutsche Frauenzeitschrift. Bei der SZ ist eine Damenbeilage Fehlanzeige, ebenso eine Sonntagsausgabe, die La Repubblica zum Werktagstarif liefert.

Insgesamt bietet La Repubblica mehr fűr’s Geld des Lesers. Es wäre interessant, mal einen Bericht eines italienischen Korrespondenten űber die deutschen Zeitungen zu lesen.

Einen bösen Patzer leistete sich űbrigens Klűver, indem er das Movimento 5 Stelle des Komikers Beppe Grillo "die italienischen Piraten" nannte. Die Grillini haben mit der italienischen Piratenpartei so viel zu tun wie beispielsweise Merkel mit Honecker, nämlich garnichts.

Der Partito Pirata steht indessen bei 1,2% in den Umfragen, weswegen nicht auszuschließen ist, dass die italienischen Pirati noch vor den deutschen Piraten ins Parlament einziehen.

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—— Heinrich von Loesch